Ein Netzschmöker »Und es ward Raufaser!«

Die Epilog

Foto: Michael Paul Romstöck

von Fabian Ebeling

Langeweile kann wirklich anstrengend sein. Besonders oft stellt sich dabei das Gefühl ein, dass einfach nichts mehr geht. So rein gar nichts. Man könnte ja etwas tun, aber irgendwie verflüchtigt sich jeder Gedanke an produktives Schaffen und löst sich in Unlust und schließlich wiederum Langeweile auf. Das Umfeld scheint keinerlei positive Reize zu bieten; die Tür ist weiß, der Boden holzfarben, an allen Wänden: Raufaser.

Diese berühmte, ungefähr alle deutschen Wohnräume auskleidende Tapete wurde von dem Apotheker Hugo Erfurt erfunden. Funktional wie sie ist, kann man bei jeder Delle oder einem herausgelösten Holzspan einfach drüberstreichen. Sieht kaum jemand. Zumindest müsste man recht genau hinschauen, um etwas zu erkennen. Wenn die Langeweile vorherrscht, reduzieren sich diese Qualitäten auf eine unebene Oberfläche, die aus kleinen Hügelchen besteht, deren Schatten aus einer ansonsten optisch recht schwammigen Textur hervorragen. Die Raufasertapete gibt in diesem Moment nichts an uns zurück außer ihrer schnöden Materialität. Sie ist quasi in Übereinkunft mit sich selbst und strahlt eine leblose Sprödigkeit aus – bescheiden und einsichtig.

In der größten Langeweile müssen wir für imaginäre Betrachter oder anwesende Mitmenschen ungefähr genauso wirken wie Raufaser: matt und spröde. Doch einsichtig sind wir nicht, weil Langeweile ja auch irgendwie doof ist. Erst oder spätestens am Punkt der totalen Resignation, dem Moment, an dem sogar das Schlafen vor lauter Langeweile unmöglich wird, sehen wir es ein.

Vielmehr willigen wir ein, in einen Zustand, dessen Bekämpfung mit aller Macht nur noch mehr unproduktive Energien freisetzt. Sich über die eigene Langeweile aufregen und anderen Menschen damit in den Ohren liegen ist eines der unsinnigsten Dinge seit essbarer Unterwäsche. »Mir ist so langweilig« gehört wahrscheinlich in die Reihe der größten Killerphrasen der Menschheitsgeschichte.

Was soll man dazu sagen? Dann lieber resignieren, einwilligen und sich darüber freuen, dass man zu so etwas Banalem wirklich fähig ist. Außerdem kann Langeweile auch produktiv sein. Nicht umsonst sagt man ja bei manchen skurrilen oder wirklich auch nützlichen Dingen, ihre Erfinder hätten wohl zu viel Langeweile gehabt. Vielleicht so wie Hugo Erfurt. Und wenn man selbst schon nichts erfindet, kann man sich ja wieder der guten alten Raufasertapete zuwenden und vollends darin aufgehen.

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Theorieschnipsel »Tourist*innen in Hawaiihemden«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Byung-Chul Han berichtet von einer Kultur mit Zukunft

„Tourist*innen in Hawaiihemden“, so stellt sich der britische Anthropologe Nigel Barley (*1947) die Menschen der Zukunft vor. Das klingt unterhaltsam, wäre aber vielleicht nicht weiter von Belang, hätte es den Philosophen und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han (*1959) nicht dazu inspiriert, einen eindrucksvollen Essay über nicht weniger als die aktuelle Verfassung einer Weltkultur — er nennt sie Hyperkultur — zu schreiben¹.

Eine Weltkultur in gut 70 Seiten erklären zu wollen klingt zunächst recht übermütig. Erst recht, weil wir „Kultur“ doch als einen Begriff kennen, der die lokalen, regionalen und nationalen Unterschiede in Verhaltensformen, Gewohnheiten und Vorstellungswelten hervorhebt. Der also weltweite Verschiedenheiten, nicht Gleichheiten beschreibt. Das sieht Han ganz ähnlich, hält das Konzept einer lokal gebundenen Kultur aber für nicht mehr aktuell.

Seit der Einführung telegrafischer Nachrichtenübertragung spannt sich ein immer enger gewebtes Netz aus Datenleitungen um die Weltkugel und überschreitet damit all jene Grenzen, mit denen man Kulturen voneinander abzugrenzen versucht. Erst konnten nur umständlich im Morsecode chiffrierte Texte verschickt werden, dann erweiterten sich die Leitungen zu Fernsprechanlagen, deren Reichweite sich mit dem Rundfunk noch einmal verstärkte. Mit dem Fernsehen kamen Bilder dazu und das Internet ermöglicht inzwischen auch persönlichste Formen der Kommunikation rund um den Globus.

Jede eigentlich lokal gebundene Kultur, die in dieses Mediennetz verwoben ist, wird überall auf der Welt auch für Abwesende zugänglich. Damit kommt es natürlich noch nicht zur Weltkultur, jeder könnte ja bei seinen Bräuchen und Gewohnheiten bleiben — wäre da nicht das Problem des verschwundenen Fremden. Das Eigene — die kulturelle Individualität — ist immer auch durch das Fremde geprägt. Abgrenzungen definieren die eigenen Vorstellungswelten. „Kultur“ ist immer ein Begriff des Vergleichens und Unterscheidens. Das Fremde bekommt in einer eng vernetzten Welt jedoch gar nicht mehr die Gelegenheit, uns wirklich fremd zu werden. Zu präsent ist das Exotische und Andere auf allen Kanälen.

Was ist aber noch eigenes, wenn nichts mehr fremd ist? Die lokale Tradition wird zu einer Möglichkeit unter vielen. Kein fester Ort bindet den vernetzten Menschen mehr an die kontinuierliche Fortsetzung üblicher Gewohnheiten. Er kann jederzeit ausweichen in andere Kulturräume, dazu muss er nicht mal das Haus verlassen. Die Medien verbinden ihn mit der Welt. Die Geschichte als kontinuierliche Fortsetzung einer ortsgebundenen Entwicklung ist damit zu Ende. Es geht nicht mehr nur in eine durch vergangene Generationen vorbestimmte Richtung weiter, sondern in viele verschiedene. Die Entwicklung richtet sich nicht einmal mehr notwendigerweise nach vorn. Ist die Vorstellung von einer kontinuierlichen historischen Fortsetzungserzählung erst einmal abgelegt, steht jedem Individuum auch die Integration vergangener Bräuche und Vorstellungen offen. Alles ist eine Frage der Wahl.

Kein Zentrum, kein Ort, keine Nation, kein Gott und keine Geschichte bestimmen mehr unsere Entscheidungen. Die Frage nach dem Sinn allen Handelns hat ihre Bezüge, ihr Fundament verloren. Was bleibt, ist kein fester kultureller Handlungsrahmen mehr, sondern ein „Mosaikuniversum“, ein „Hypermarkt der Kultur“, auf dem alles gehandelt wird, wovon wir irgendwie Kenntnis bekommen.

Befreit von allen Abhängigkeiten von Ort und Zeit bleibt nur noch der Zwang zur Individualisierung. Die Abgrenzung wird nicht einfacher, seit es nichts Fremdes mehr gibt. Man muss sich selbst für oder gegen jedes einzelne Kulturartefakt, jede Ästhetik, jede Idee, jede Geste entscheiden. Kultur wird zu einer Frage der persönlichen Gestaltungsfreude – des Designs. So weit möchte Han uns beruhigen: Die Welt verkommt mit ihrer zeitlichen und örtlichen Entgrenzung also nicht zu einer Monokultur, in der alle genau das Gleiche machen, sondern zu einer Hyperkultur, in der jeder versucht, etwas anders zu machen.

Wir sind also Tourist*innen, Menschen ohne festen Ort, die auf den Highways der Datennetze um die Welt reisen und ständig an unserer individuellen kulturellen Identität basteln. So zumindest Hans Idealtypus des hypermodernen Menschen. Ob wir dabei Hawaiihemden tragen wollen oder nicht, bleibt uns glücklicherweise selbst überlassen. Wichtig ist nur, dass wir es könnten — wenn wir wollten.

¹Byung-Chul Han, Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, 2005.

 

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Theorieschnipsel »Camp ist nicht lustig«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Susan Sontag entdeckt das Ende der Ironie

von Mads Pankow

Kitsch ist schick. Eine Zeit lang war es gar Mode, sich zum Geburtstag hässliche Sachen zu schenken, ausladende Hirschgeweihe oder Jesus-Ikonen zum Beispiel. Das sollte lustig sein. Manchmal war es das auch – wenn diese absurden Dinge von ihren Machern offensichtlich so ernst gemeint waren, dass man prusten musste. Jäger und Priester verstehen keinen Spaß mit ihren Reliquien, das macht ihr Gehabe darum gelegentlich etwas albern.

Erst die pathetische Ernsthaftigkeit, mit der kitschige Dinge fabriziert wurden, macht sie komisch – aber auch spannend. Natürlich besitzen wir als aufgeklärte Bürger*innen des 21. Jahrhunderts Kitsch nur noch aus ironischen Motiven, zum Lachen. Tatsächlich aber schielen wir mit einem neidischen Auge auf die naive Ästhetik der sonnigen Berglandschaft in Ölfarbe bei Oma über dem Sofa.

Die Ironie ist eigentlich nur vorgeschoben. Wir genießen diese Übertreibungen der heilen Welt in unserem Leben. Ihr ungebrochener Pathos sollte nach so viel Aufklärung eigentlich gar nicht mehr denkbar sein und ist deshalb umso verführerischer. Wir müssen darüber lachen, wie absurd dieser feierliche Ernst ist. Dabei wären wir gern auch mal wieder so pathetisch und unreflektiert.

Doch Ernst ist immer irgendwie kitschig. Auch bei Menschen, die ihre Rollenbilder zu ernst nehmen. So speist sich das subversive Spiel mit den Geschlechterrollen eigentlich aus der Lust am Genderkitsch. Die Stereotypen von Mann und Frau machen als Verkleidung so viel Freude, weil sie in ihrer Ernsthaftigkeit völlig substanzlos geworden sind. Längst herrscht Einigkeit darüber, dass unsere Idee der Geschlechter weniger Biologie als kulturelle Konstruktion ist. Eine Konstruktion jedoch, die – wie jeder andere Stereotyp – eine spielerische Faszination ausübt. Androgynität und Travestie begehren deshalb nicht nur gegen Rollenbilder auf – sie genießen sie auch, vor allem ihre Absurdität.

Mit dem Glamrock der Siebziger fand die Travestie in den Mainstream. Von David Bowie bis Boy George verabschiedete sich die damalige Garde der Popkultur von der ständigen Reproduktion sexueller Klischees und entdeckte ihre Lust am Geschlechterspiel. Wichtiger als die Frage der geschlechtlichen Zuordnung war die Schönheit der Inszenierung. Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust konnte nicht nur keinem Geschlecht zugeordnet werden, genau genommen handelte es sich nicht mal mehr um einen Erdenbürger. Als einziges Merkmal seiner Identität verblieb ihm sein sternstaubiges Glitzern.

Identität ist das, was schön ist. Authentizität ist kein Maßstab mehr. An ihre Stelle tritt eine Leidenschaft für die Gemachtheit, das Künstliche. Statt auf klare Inhalte setzte die Popkultur fortan auf Stilisierung und Übertreibung der schönen Form. Eine rein ästhetische Haltung, die unter dem Begriff ‚Camp‘ schon aus dem Dandytum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bekannt war. Die Schriftstellerin Susan Sontag spannte 1964 mit ihren Notes on Camp einen Bogen vom Dandytum über die Queerbewegung bis hin zur damaligen Popkultur. In 58 unsystematischen Glaubenssätzen kreist sie um ein Gefühl, eine Haltung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganze Gesellschaft prägen sollte.

Camp ist eine Reaktion auf den naiven Ernst, auf das unreflektierte Pathos bisheriger Kultur. Camp sieht alles in Anführungsstrichen. Anders als die etablierten Formen der Ernstlosigkeit, wie Ironie und Satire, distanziert sich Camp nicht spöttisch vom Pathos. Es lässt sich im Gegenteil ganz darauf ein: Es macht sich nicht lustig, Camp ist todernst.

Camp ist die Lust an der scheiternden Ernsthaftigkeit. Anders als die Tragödie, die sich am Dramatischen labt, oder die Komödie, die das Drama ad absurdum führt, liegt Camp betont unentschlossen dazwischen. Es fühlt mit dem Tragischen, kann aber auch über das Komische lachen. In liebevoller Hingabe lässt es sich auf alle Gefühlswirren ein. Es genießt gleichermaßen Pathos wie Absurdität.

Camp ist also eher eine emotionale Haltung als eine intellektuelle, eine Art absichtliche Naivität. Sie hat keine moralische Quintessenz und eigentlich gar keine Botschaft. Dabei reagiert sie jedoch sehr schlau auf die Wirren der Postmoderne. In der Erkenntnis, dass wir – angesichts einer unüberschaubaren Welt – alle gnadenlos naiv sind, hält sich Camp an den letzten brauchbaren Maßstab aller Dinge: die Schönheit.

Camp ist, von heute aus betrachtet – fünfzig Jahre nach Susan Sontags Text – die moderne Haltung nach Ironie und Zynismus. Camp ist die bejahende Ironie: Es fühlt sich nicht zu ständiger Distanzierung verpflichtet, sondern genießt die eigene Naivität und schmunzelt darüber. So wie wir über das Hirschgeweih.

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Theorieschnipsel »Die technologische Singularität«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Er wird kommen – so wird es allseits gerne versprochen –, der Moment, wenn Computer endlich schlauer sind als Menschen, mindestens jedoch genauso schlau. Damit hätten wir uns dann endgültig selbst überflüssig gemacht. Einen Namen hat dieser Moment auch schon, ein klares Zeichen dafür, dass seine Ankunft unausweichlich ist: technologische Singularität.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Die war es auch vor 50 Jahren schon, als sich die ersten Stimmen erhoben, die in jenen wohnzimmergroßen Relaisschränken dieser Zeit nahezu unheimliche Potenziale zu entdecken meinten. Gerade erst hatte man dem Rechner das Spiel Tic Tac Toe beigebracht und ihm damit einen ersten Sieg gegen den Menschen ermöglicht. Lange konnte es also nicht mehr dauern, bis diese Maschine auch alle anderen Aufgaben und Fragen des Lebens besser beantworten konnte als seine Erschaffer. Nicht nur, ob Kreis oder Kreuz.

Allein über das genaue Datum, zu dem dieses Groß-, vielleicht Größtereignis fällig sein sollte, wurde man sich nie so ganz einig. Vielleicht ist es auch deshalb immer noch nicht eingetreten. Klar ist nur, dass man sie früher erwartet hätte, diese Singularität. Vielleicht, so hoffte man, pünktlich zum Jahre 2000. Diese Zahl wäre ja auch leicht zu merken gewesen. Wegen unerwarteter Verzögerungen schob der Mathematiker Vernor Vinge das Projekt 1993 – kurz vor Fristende sozusagen – jedoch noch eine Weile auf. Spätestens in den 2020ern sollte es dann aber so weit sein mit der Supermaschine. Derzeit rechnet die breite Anhängerschaft dieser Theorie eher mit der Mitte des aktuellen Jahrhunderts.

Das Projekt, den Menschen intellektuell zu überholen, scheint schwieriger als erwartet. Und das, obwohl die Technik bisher Größtes zu leisten vermochte. Keiner hätte in den 60er Jahren damit gerechnet, dass Computer heute relativ zuverlässig das Wetter berechnen oder Genome entschlüsseln können. Alles viel mehr, als man sich erhoffte, nur die Simulation des menschlichen Denkens will einfach nicht hinhauen.

Vielleicht hat man sich zu spät gefragt, was das eigentlich sein soll, dieses menschliche Denken. Das kann uns nämlich bis heute keiner überzeugend erklären und auch die bunten Bilder der Neurophysiologen bringen das Verständnis wenig voran: „Das ist rot, da denken Sie gerade.“ Aha.

Die Theorie der technologischen Singularität hat ein entscheidendes Problem. Sie geht davon aus, dass Rechnen und Denken – also die Operationsweisen von Mensch und Maschine – das Gleiche seien. Für diese Vermutung gibt es bis heute leider keinerlei Anlass. Klar können Menschen auch rechnen, verglichen mit der Technik aber recht schlecht. Wenn man tatsächlich in der gleichen Disziplin gegeneinander antreten würde, müsste der Mensch schon längst überholt sein.

Man muss den Eindruck gewinnen, etwas fehle in dieser Gleichung. Menschen scheinen ihre Vorstellungswelt nicht zu berechnen. Im Gegenteil, sie denken vornehmlich in Ungenauigkeiten, und – wie man bei genauerem Nachfragen häufig feststellen muss – in absurden Widersprüchen. Uneindeutigkeiten und Paradoxien sind leider Dinge, die ein Computer schlecht verträgt. Er kennt nur 1 oder 0, Alternativen gibt es nicht.

Irgendwas an diesem Ungenauen und Widersprüchlichen, das wir Menschen uns gerne gegenseitig zum Vorwurf machen, scheint uns also erst das zu ermöglichen, was wir Denken nennen. Vielleicht hat das etwas mit unserer Welt zu tun, die – wie wir spätestens seit Kurt Gödel und Max Planck wissen – auch nicht ohne Widersprüche und Ungenauigkeiten zu funktionieren scheint. Wir dürfen also beruhigt sein. Die Maschine überholt uns nicht, es sei denn, sie würde endlich etwas ungenauer und widersprüchlicher arbeiten. Aber welcher Mensch würde eine solche Maschine bauen? 

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Theorieschnipsel »Nach der Geschichte«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Arnold Gehlen und die Posthistorie

Das Ende ist erreicht. So zumindest die Behauptung des Philosophen, Anthropologen und Soziologen Arnold Gehlen (1904–1976). Als Zeuge zweier Weltkriege, in denen sich die Menschheit erst jüngst um vollständige Selbstzerstörung bemüht hatte, fühlte sich Gehlen Anfang der 1960er Jahre dazu aufgerufen, die steile These aufzustellen, die Geschichte sei an ihrem Ende angelangt.

Auf die ereignisarme Vorgeschichte, in der sich der Homo sapiens noch biologisch entwickelte und auf dem Globus verbreitete, folgt laut Gehlen die Geschichte. Sie beginnt mit der sogenannten Neolithischen Revolution. Der Mensch lässt sich nieder und beginnt Landwirtschaft zu betreiben. Erst jetzt hat er Orte, an denen sich Erlebnisse sammeln, die sich zu Geschichten verdichten und schließlich zu einer kontinuierlichen Geschichte zusammenwachsen. Die Geschichte ist die Zeit der großen Veränderungen und Entwicklungen.

Ab der Industriellen Revolution aber lassen die Fortschritte nach. Natürlich entwickeln sich die Maschinen immer weiter, die Medizin und die Wissenschaft. Aber alles baut nur noch auf bestehenden Ideen auf, bleibt in geordneten Bahnen. Die Menschen leben auch heute noch in ähnlichen Strukturen wie vor 150 Jahren, nur das Essen ist besser geworden. Grundlegende Veränderungen und Verwerfungen bleiben aus. Gehlen spricht von einer „Kristallisation“ der zuvor in stetiger Veränderung befindlichen Gesellschaft in festen Institutionen. Religion, Ideologie, Kunst – alle Bereiche entwickeln sich nur noch aus sich heraus weiter, halten aber fest an den bestehenden Strukturen.

Die gesellschaftlichen Institutionen sind damit nicht nur Produkte des Entwicklungsstillstands, sondern sie sind an dessen Erhaltung aktiv beteiligt. Neuerungen sind nur noch im Rahmen des Bestehenden möglich. Neue Ideen werden entweder von den etablierten Institutionen aufgenommen oder abgewehrt. Die Möglichkeit unabhängiger Strömungen und Entwicklungen gibt es an dieser Stelle nicht mehr. Aber das macht nichts, alle menschlichen Bedürfnisse werden bereits durch vorhandene Institutionen befriedigt. So wird auch vermieden, dass Unzufriedenheiten, die sich in Zeiten der Geschichte noch anstauen konnten, um sich schließlich in Revolution und übergreifenden Veränderungen zu entladen, überhaupt erst entstehen können.

In einer Fernsehdiskussion warf Gehlen seinem guten Bekannten Theodor Adorno naiven Idealismus vor, nur weil dieser noch zum Widerstand gegen die institutionalisierte Gesellschaft aufrief. Das empfand Gehlen als eine Zumutung für den ohnehin schon schwer gebeutelten Menschen der Moderne. Adorno sah in diesem Vorwurf natürlich sofort Anlass zum Widerstand und schob Gehlen daraufhin mit überzeugten Worten in die Ecke der Kulturkonservativen ab. Fast freudige Einigkeit herrschte nur in der pessimistischen Grunddiagnose beider Kontrahenten: Ob am Ende oder nicht – die Gesellschaft war schlecht.

 

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Hätte, könnte, wollte — Leben im Konjunktiv

Am 14. April 2016 erscheint Die Epilog Ausgabe Nr. 5 — am Bahnhof und überall, wo es gute Zeitschriften gibt.


 

Wir konnten alles werden, sind es aber nie geworden. Weil wir pragmatisch sind, Geld verdienen müssen oder uns einfach die Freiheit nehmen. Gerade Letzteres wird viel gelobt — wohl zu Recht — und ist sicher ein Privileg. Dass Freiheit auch eine Zumutung sein kann, merkt man erst, wenn man sie hat. Die Wahl zu haben, bedeutet vor allem: abzuwählen. Wer sich zwischen drei Möglichkeiten entscheidet, verpasst zwei davon. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, sich ein Leben lang zu fragen, ob man richtig entschieden hat.

In der Rede darüber, etwas zu verpassen oder verpassen zu können, spricht man im Konjunktiv. Hätte, könnte, wollte. Er hat etwas Anziehendes, Attraktives, Lebenswertes, der Konjunktiv. Es ist leichter, das Hätte-ich-doch, das Wäre-ich-nicht zu genießen, als die Gegenwart und Kontingenz der Welt zu empfinden.

Aber auch die große Frage, was werden könnte, steht im Konjunktiv. Und beschäftigt uns häufiger als die Wirklichkeit. Das kann frustrieren, macht aber auch große Ideen und Utopien möglich. Nur wer sich alle Möglichkeiten bewusst macht, kann sie auch nutzen.

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Ein Netzschmöker »Was gewesen sein wird«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben merkt man bewusst, wie schnell die Zeit vergehen kann. Erst sind es die Jahre: »1998 ging verdammt schnell rum.« Dann sind es irgendwann Wochen und Tage, die nur so vorbeirauschen. Erhöhte Geschäftigkeit scheint dieses Gefühl zu befeuern, die Dinge gehen weiter und weiter. Blickt man zufrieden auf das Tagwerk zurück, merkt man, wie schnell der Tag verging. Man hat telefoniert, E-Mails verschickt, mit Menschen gesprochen, mit Menschen gegessen und Kaffee getrunken. Man hat vielleicht auch Dinge erledigt, die erledigt werden mussten. Oder man hat einfach nichts getan. Je nachdem.

Wenn die Momente intensiv erlebt wurden, hat man sich in so etwas wie einem Jetzt befunden. Man hat es gefühlt und war voll drin – in der Zone, sozusagen. Ob angespannt oder entspannt, an intensive Augenblicke oder Zeiträume, die als angenehm empfunden werden, erinnert man gerne. Sehnt man sich nach diesen vergangenen Momenten, so spricht man auch von Nostalgie. Weil’s so schön war, bitte noch einmal! Bei aller vermeintlichen Schnelllebigkeit und allerlei Entschleunigungsstrategien kann so ein gewisses Einer-Zeit-Nachhängen auch guttun.

Doch mit einer beschleunigten Erfahrung von Zeit und den Erlebnissen, die sich in dieser Zeit aneinanderreihen, scheint eine modifizierte Form der Nostalgie einherzugehen. Die Nostalgie für etwas, das noch gar nicht war, das erst gewesen sein wird. Man hat eine wunderschöne Zeit. Man weiß, dass man sich gerne daran erinnern wird. Man weiß auch, dass der Modus, in dem man sich gerade befindet, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft ein Ende haben kann.

Diese Form der Nostalgie wird dann zu einer nach vorn gewendeten Nostalgie, die sich in einer möglichen Zukunft auf die Gegenwart zurückwendet. Man wird schon mal prophylaktisch nostalgisch. Er wird schon zu Ende gehen, der schöne Moment, und dann wird man sich nach ihm zurücksehnen. Ein Vorausdenken, das zurückdenkt. Diese Ausflüge können interessant sein. Doch tatsächlich leben wir nur jetzt. Dieses Jetzt zu ergreifen, die Gunst der Stunde, sich in die Zone begeben, ohne das Vergangene zu vergessen, ist doch eigentlich das, was erfüllt. Dennoch: Die vorsorgliche Sentimentalität für den Moment kann ihn auch verstärken. Das Bewusstsein, dass alle Dinge enden und doch andere weitergehen, hebt ihr Erlebnis aus dem Alltäglichen ins warme Licht der Einmaligkeit. 

Balthasar Bierlob sagt: Feiner Kommentar!Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass diese Art der vorweggenommen Nostalgie auch wie eine Art Schutzmechanismus genutzt wird, um sich der Blöße vor eventuellen "Ich habs dir doch gleich gesagt"-Pessimisten zu bewahren. Insbesondere bei dem Frischverliebtsein ist dem so. Durch das unaufhörliche Kalkulieren eventueller Folgen, verderbe ich mir regelmäßig den Moment. Bei allem Zögern genügt es jedoch meist zu sagen: "Ich weiß, es kann/wird schlecht ausgehen, aber das ist mir jetzt ganz gleich."