Theorieschnipsel »Die technologische Singularität«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Er wird kommen – so wird es allseits gerne versprochen –, der Moment, wenn Computer endlich schlauer sind als Menschen, mindestens jedoch genauso schlau. Damit hätten wir uns dann endgültig selbst überflüssig gemacht. Einen Namen hat dieser Moment auch schon, ein klares Zeichen dafür, dass seine Ankunft unausweichlich ist: technologische Singularität.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Die war es auch vor 50 Jahren schon, als sich die ersten Stimmen erhoben, die in jenen wohnzimmergroßen Relaisschränken dieser Zeit nahezu unheimliche Potenziale zu entdecken meinten. Gerade erst hatte man dem Rechner das Spiel Tic Tac Toe beigebracht und ihm damit einen ersten Sieg gegen den Menschen ermöglicht. Lange konnte es also nicht mehr dauern, bis diese Maschine auch alle anderen Aufgaben und Fragen des Lebens besser beantworten konnte als seine Erschaffer. Nicht nur, ob Kreis oder Kreuz.

Allein über das genaue Datum, zu dem dieses Groß-, vielleicht Größtereignis fällig sein sollte, wurde man sich nie so ganz einig. Vielleicht ist es auch deshalb immer noch nicht eingetreten. Klar ist nur, dass man sie früher erwartet hätte, diese Singularität. Vielleicht, so hoffte man, pünktlich zum Jahre 2000. Diese Zahl wäre ja auch leicht zu merken gewesen. Wegen unerwarteter Verzögerungen schob der Mathematiker Vernor Vinge das Projekt 1993 – kurz vor Fristende sozusagen – jedoch noch eine Weile auf. Spätestens in den 2020ern sollte es dann aber so weit sein mit der Supermaschine. Derzeit rechnet die breite Anhängerschaft dieser Theorie eher mit der Mitte des aktuellen Jahrhunderts.

Das Projekt, den Menschen intellektuell zu überholen, scheint schwieriger als erwartet. Und das, obwohl die Technik bisher Größtes zu leisten vermochte. Keiner hätte in den 60er Jahren damit gerechnet, dass Computer heute relativ zuverlässig das Wetter berechnen oder Genome entschlüsseln können. Alles viel mehr, als man sich erhoffte, nur die Simulation des menschlichen Denkens will einfach nicht hinhauen.

Vielleicht hat man sich zu spät gefragt, was das eigentlich sein soll, dieses menschliche Denken. Das kann uns nämlich bis heute keiner überzeugend erklären und auch die bunten Bilder der Neurophysiologen bringen das Verständnis wenig voran: „Das ist rot, da denken Sie gerade.“ Aha.

Die Theorie der technologischen Singularität hat ein entscheidendes Problem. Sie geht davon aus, dass Rechnen und Denken – also die Operationsweisen von Mensch und Maschine – das Gleiche seien. Für diese Vermutung gibt es bis heute leider keinerlei Anlass. Klar können Menschen auch rechnen, verglichen mit der Technik aber recht schlecht. Wenn man tatsächlich in der gleichen Disziplin gegeneinander antreten würde, müsste der Mensch schon längst überholt sein.

Man muss den Eindruck gewinnen, etwas fehle in dieser Gleichung. Menschen scheinen ihre Vorstellungswelt nicht zu berechnen. Im Gegenteil, sie denken vornehmlich in Ungenauigkeiten, und – wie man bei genauerem Nachfragen häufig feststellen muss – in absurden Widersprüchen. Uneindeutigkeiten und Paradoxien sind leider Dinge, die ein Computer schlecht verträgt. Er kennt nur 1 oder 0, Alternativen gibt es nicht.

Irgendwas an diesem Ungenauen und Widersprüchlichen, das wir Menschen uns gerne gegenseitig zum Vorwurf machen, scheint uns also erst das zu ermöglichen, was wir Denken nennen. Vielleicht hat das etwas mit unserer Welt zu tun, die – wie wir spätestens seit Kurt Gödel und Max Planck wissen – auch nicht ohne Widersprüche und Ungenauigkeiten zu funktionieren scheint. Wir dürfen also beruhigt sein. Die Maschine überholt uns nicht, es sei denn, sie würde endlich etwas ungenauer und widersprüchlicher arbeiten. Aber welcher Mensch würde eine solche Maschine bauen? 

Hinterlasse einen Kommentar

Theorieschnipsel »Nach der Geschichte«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Arnold Gehlen und die Posthistorie

Das Ende ist erreicht. So zumindest die Behauptung des Philosophen, Anthropologen und Soziologen Arnold Gehlen (1904–1976). Als Zeuge zweier Weltkriege, in denen sich die Menschheit erst jüngst um vollständige Selbstzerstörung bemüht hatte, fühlte sich Gehlen Anfang der 1960er Jahre dazu aufgerufen, die steile These aufzustellen, die Geschichte sei an ihrem Ende angelangt.

Auf die ereignisarme Vorgeschichte, in der sich der Homo sapiens noch biologisch entwickelte und auf dem Globus verbreitete, folgt laut Gehlen die Geschichte. Sie beginnt mit der sogenannten Neolithischen Revolution. Der Mensch lässt sich nieder und beginnt Landwirtschaft zu betreiben. Erst jetzt hat er Orte, an denen sich Erlebnisse sammeln, die sich zu Geschichten verdichten und schließlich zu einer kontinuierlichen Geschichte zusammenwachsen. Die Geschichte ist die Zeit der großen Veränderungen und Entwicklungen.

Ab der Industriellen Revolution aber lassen die Fortschritte nach. Natürlich entwickeln sich die Maschinen immer weiter, die Medizin und die Wissenschaft. Aber alles baut nur noch auf bestehenden Ideen auf, bleibt in geordneten Bahnen. Die Menschen leben auch heute noch in ähnlichen Strukturen wie vor 150 Jahren, nur das Essen ist besser geworden. Grundlegende Veränderungen und Verwerfungen bleiben aus. Gehlen spricht von einer „Kristallisation“ der zuvor in stetiger Veränderung befindlichen Gesellschaft in festen Institutionen. Religion, Ideologie, Kunst – alle Bereiche entwickeln sich nur noch aus sich heraus weiter, halten aber fest an den bestehenden Strukturen.

Die gesellschaftlichen Institutionen sind damit nicht nur Produkte des Entwicklungsstillstands, sondern sie sind an dessen Erhaltung aktiv beteiligt. Neuerungen sind nur noch im Rahmen des Bestehenden möglich. Neue Ideen werden entweder von den etablierten Institutionen aufgenommen oder abgewehrt. Die Möglichkeit unabhängiger Strömungen und Entwicklungen gibt es an dieser Stelle nicht mehr. Aber das macht nichts, alle menschlichen Bedürfnisse werden bereits durch vorhandene Institutionen befriedigt. So wird auch vermieden, dass Unzufriedenheiten, die sich in Zeiten der Geschichte noch anstauen konnten, um sich schließlich in Revolution und übergreifenden Veränderungen zu entladen, überhaupt erst entstehen können.

In einer Fernsehdiskussion warf Gehlen seinem guten Bekannten Theodor Adorno naiven Idealismus vor, nur weil dieser noch zum Widerstand gegen die institutionalisierte Gesellschaft aufrief. Das empfand Gehlen als eine Zumutung für den ohnehin schon schwer gebeutelten Menschen der Moderne. Adorno sah in diesem Vorwurf natürlich sofort Anlass zum Widerstand und schob Gehlen daraufhin mit überzeugten Worten in die Ecke der Kulturkonservativen ab. Fast freudige Einigkeit herrschte nur in der pessimistischen Grunddiagnose beider Kontrahenten: Ob am Ende oder nicht – die Gesellschaft war schlecht.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Hätte, könnte, wollte — Leben im Konjunktiv

Am 14. April 2016 erscheint Die Epilog Ausgabe Nr. 5 — am Bahnhof und überall, wo es gute Zeitschriften gibt.


 

Wir konnten alles werden, sind es aber nie geworden. Weil wir pragmatisch sind, Geld verdienen müssen oder uns einfach die Freiheit nehmen. Gerade Letzteres wird viel gelobt — wohl zu Recht — und ist sicher ein Privileg. Dass Freiheit auch eine Zumutung sein kann, merkt man erst, wenn man sie hat. Die Wahl zu haben, bedeutet vor allem: abzuwählen. Wer sich zwischen drei Möglichkeiten entscheidet, verpasst zwei davon. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, sich ein Leben lang zu fragen, ob man richtig entschieden hat.

In der Rede darüber, etwas zu verpassen oder verpassen zu können, spricht man im Konjunktiv. Hätte, könnte, wollte. Er hat etwas Anziehendes, Attraktives, Lebenswertes, der Konjunktiv. Es ist leichter, das Hätte-ich-doch, das Wäre-ich-nicht zu genießen, als die Gegenwart und Kontingenz der Welt zu empfinden.

Aber auch die große Frage, was werden könnte, steht im Konjunktiv. Und beschäftigt uns häufiger als die Wirklichkeit. Das kann frustrieren, macht aber auch große Ideen und Utopien möglich. Nur wer sich alle Möglichkeiten bewusst macht, kann sie auch nutzen.

Hinterlasse einen Kommentar

Ein Netzschmöker »Was gewesen sein wird«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben merkt man bewusst, wie schnell die Zeit vergehen kann. Erst sind es die Jahre: »1998 ging verdammt schnell rum.« Dann sind es irgendwann Wochen und Tage, die nur so vorbeirauschen. Erhöhte Geschäftigkeit scheint dieses Gefühl zu befeuern, die Dinge gehen weiter und weiter. Blickt man zufrieden auf das Tagwerk zurück, merkt man, wie schnell der Tag verging. Man hat telefoniert, E-Mails verschickt, mit Menschen gesprochen, mit Menschen gegessen und Kaffee getrunken. Man hat vielleicht auch Dinge erledigt, die erledigt werden mussten. Oder man hat einfach nichts getan. Je nachdem.

Wenn die Momente intensiv erlebt wurden, hat man sich in so etwas wie einem Jetzt befunden. Man hat es gefühlt und war voll drin – in der Zone, sozusagen. Ob angespannt oder entspannt, an intensive Augenblicke oder Zeiträume, die als angenehm empfunden werden, erinnert man gerne. Sehnt man sich nach diesen vergangenen Momenten, so spricht man auch von Nostalgie. Weil’s so schön war, bitte noch einmal! Bei aller vermeintlichen Schnelllebigkeit und allerlei Entschleunigungsstrategien kann so ein gewisses Einer-Zeit-Nachhängen auch guttun.

Doch mit einer beschleunigten Erfahrung von Zeit und den Erlebnissen, die sich in dieser Zeit aneinanderreihen, scheint eine modifizierte Form der Nostalgie einherzugehen. Die Nostalgie für etwas, das noch gar nicht war, das erst gewesen sein wird. Man hat eine wunderschöne Zeit. Man weiß, dass man sich gerne daran erinnern wird. Man weiß auch, dass der Modus, in dem man sich gerade befindet, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft ein Ende haben kann.

Diese Form der Nostalgie wird dann zu einer nach vorn gewendeten Nostalgie, die sich in einer möglichen Zukunft auf die Gegenwart zurückwendet. Man wird schon mal prophylaktisch nostalgisch. Er wird schon zu Ende gehen, der schöne Moment, und dann wird man sich nach ihm zurücksehnen. Ein Vorausdenken, das zurückdenkt. Diese Ausflüge können interessant sein. Doch tatsächlich leben wir nur jetzt. Dieses Jetzt zu ergreifen, die Gunst der Stunde, sich in die Zone begeben, ohne das Vergangene zu vergessen, ist doch eigentlich das, was erfüllt. Dennoch: Die vorsorgliche Sentimentalität für den Moment kann ihn auch verstärken. Das Bewusstsein, dass alle Dinge enden und doch andere weitergehen, hebt ihr Erlebnis aus dem Alltäglichen ins warme Licht der Einmaligkeit. 

Balthasar Bierlob sagt: Feiner Kommentar!Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass diese Art der vorweggenommen Nostalgie auch wie eine Art Schutzmechanismus genutzt wird, um sich der Blöße vor eventuellen "Ich habs dir doch gleich gesagt"-Pessimisten zu bewahren. Insbesondere bei dem Frischverliebtsein ist dem so. Durch das unaufhörliche Kalkulieren eventueller Folgen, verderbe ich mir regelmäßig den Moment. Bei allem Zögern genügt es jedoch meist zu sagen: "Ich weiß, es kann/wird schlecht ausgehen, aber das ist mir jetzt ganz gleich."

Ein Netzschmöker »Anfangen«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Im Grunde eignet sich kein Augenblick so vorzüglich für ausführliche Resignation wie der Anfang. Nie lässt sich so leicht aufgeben. Technisch gesehen wäre es ja nicht mal eine Aufgabe: Bevor man angefangen hat, gibt es ja noch gar nichts aufzugeben. Höchstens ein Vorhaben, aber vielleicht war das ja auch gar nicht so ernst gemeint. Zumindest könnte man behaupten, es wäre einem nie ernst gewesen. Oder am besten hat man eh noch niemandem erzählt von seinem Vorhaben.

Formal betrachtet ist es durchaus korrekt: Was nicht angefangen hat, kann gar nicht weitergehen. Man ist also eigentlich nur Realist. Realistisch ist auch, dass – egal was man anfängt – immer irgendetwas schiefgehen wird oder zumindest anders kommt als gedacht. Und dann? Dann weiß keiner mehr weiter. Zumindest weiß jetzt noch niemand, wie es dann weitergehen soll – weil man ja noch gar nicht wissen kann, um was für Probleme es sich handeln wird.

Ganz beispielhaft für gelungene Resignation zeigt sich das Projekt, eine leere Seite zu beschreiben. Ein Problem, das wir alle kennen – das dem einen oder anderen aus beruflichen oder freizeitlichen Gründen vielleicht häufiger begegnet –, das sich aber auch problemlos auf alle anderen Anfänge übertragen lässt. Das Problem der leeren Seite ist nicht, dass es nichts gäbe, was draufgeschrieben werden könnte. Irgendein Satz fällt jedem ein, vielleicht sogar einer, der zu dem Thema passt, über das man schreiben möchte. Doch der richtige Satz will es einfach nicht werden.

Der Medienwissenschaftler Joseph Vogl hat einmal bemerkt, das größte Problem beim Schreiben wären all die Klischees und Dummheiten, mit denen jedes Blatt schon vor dem ersten Pinselstrich völlig vollgeräumt zu sein scheint – Dinge, die bereits tausendmal gesagt wurden und deshalb trotzdem nicht wahrer werden. Also lieber nichts schreiben, die Seiten leer lassen. Nur so kann man wirklich sichergehen, dass alle Probleme vermieden, allen Klischees ausgewichen werden kann. Aber dieser Text hat leicht reden, er ist schon geschrieben. Danach weiß man immer alles besser.

 

Hinterlasse einen Kommentar

DAS PROLOG.

Passend zur Indiecon – The Independent Magazine Festival 2015, das Ende August in Hamburg unabhängige Magazine und Zeitschriften feierte, erschien unser exklusives Sonderheft: DAS PROLOG. Das Magazin für Trivialkultur sorgt sich um den Mainstream und erinnert sich an die Wendy. DAS PROLOG sucht in der Trashkultur nach den Zeichen der Zeit, zum Beispiel mit Florian Schmitz im großen Griechenland-Interview: Eigentlich ganz geil.

indiecon_die epilog 2

indiecon_die epilog


 

Hinterlasse einen Kommentar

Wir kommen, nur später.

Liebe Leserinnen und Leser,

nach vier Ausgaben DIE EPILOG haben wir festgestellt, dass man auch mit einem erfolgreichen unabhängigen Magazin keinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Trotzdem wollen wir weitermachen, denn das Heft ist eine Herzensangelegenheit. Allerdings wird es einige Veränderungen geben – und es wird fortan nur noch eine Ausgabe im Jahr herauskommen. Die nächste  EPILOG  erscheint im Februar 2016 mit dem Thema Ästhetik.

Wir hoffen, ihr bleibt uns bis dahin treu.
— Euer  EPILOG- Team
Hinterlasse einen Kommentar