Wir kommen. Thema: Generation

Am 27. März 2017 erscheint Die Epilog Ausgabe Nr. 6 — am Bahnhof und überall, wo es gute Zeitschriften gibt.

 

Ausgabe6

 

 

Bequem, verwöhnt, unfähig und überfordert: So sind wir, erzählt man uns. Und jetzt? Jetzt werden wir langsam alt. Die nächsten stehen schon parat. Wir verschwinden in der Schublade. Großes „Y“ drauf. Weg. Bevor es aber zu Ende geht, würden wir gern noch die eine oder andere Sache klarstellen. Denn: Wir, die Ys von Die Epilog, haben uns das lange genug angesehen. Zeit, in Ausgabe 6 für klare Verhältnisse zu sorgen. Was die eigene Generation angeht. Was die frühere, die nachfolgende angeht. Was den Begriff „Generation“ an sich angeht.

Dekonstruieren, was für unsere „Generation“ gehalten wird — und rekonstruieren, was am Ende davon übrig bleibt. Play, Pause, Rewind, Fast Forward — in vier Kapiteln kommen Lebenspraktikant*innen, Bürgerskinder auf Ketamin, Vatermörder, Verweiger*innen zu Wort: Wir geben der Pluralität von Erfahrungen Raum, die jeder Generationsname verwischt.

Hinterlasse einen Kommentar

Wir kommen — Thema: Generation

Snippet_Pre-Release

Am 27. März 2017 erscheint Die Epilog Ausgabe N°6 — am Bahnhof und überall, wo es gute Zeitschriften gibt. Pre-Release feiern wir schon eine Woche vorher in Leipzig, unter anderem auf der Buchmesse. Hier die Veranstaltungen im Überblick.

 

Pre-Release-Dates Leipzig:

 

23.—26.03.2017
Donnerstag bis Sonntag, jeweils 10:00—18:00 Uhr
Buchmesse Leipzig

Halle 05 Stand G102


Amore

23.03.2017
Donnerstag ab 21:30 Uhr
Amore — Magazine & Pizza

Pre-Release-Party
PEKAR
Facebook-Event
mit: EDIT, BLOCK Magazin, Das Wetter – Magazin für Text und Musik & Bella Triste

 

25.03.2017
Samstag ab 12 Uhr
It’s a book, it’s a fair, it’s a room built to share.

It’s A Book Independent Publishing Fair
HGB Leipzig
Facebook-Event

 

→ ab 27.03.2017: Official Release

Bundesweit im Bahnhofsbuchandel und überall, wo es gute Zeitschriften gibt!

Hinterlasse einen Kommentar

Call for Entries: Generation


00_callforentries_3

Die Epilog ist zurück. Mit der alten Mischung aus Angriffslust und Abgeklärtheit geht es wieder um kulturtheoretisch informierte, dichte Beschreibungen von Phänomenen und Objekten des Gesellschaftswandels. Für die sechste Ausgabe, die im Frühjahr 2017 erscheint, suchen wir neue Stimmen und neue Perspektiven. Eure.

Wir wollen dafür sein! Und wenn’s nicht anders geht, gerne auch dagegen. Eine Frage haben wir allerdings vorab: Wer sind „wir“ eigentlich? Sicher nicht die langweiligen Babyboomer, klar. Wir sind eher einer dieser Buchstaben am Ende des Alphabets. In Wirklichkeit aber doch eigentlich gar nichts von allem. Wir sind die, die nach der Postmoderne kommen. Wir sind die, für die Heterogenität voll normal ist, globalisiert, vernetzt, voller Power zur Prokrastination. Auf jeden Fall kein Marketing-Gag von weichgespülten Hornbrillenträgern aus Hamburg oder so. Wir sind Dachdeckergesell*innen und Ethnologie-Abbrecher*innen, Digital Natives und Buchladen-Hipster. Wir haben Zeit für Fernbusreisen und lassen uns daneben auch mal für die „sinnstiftende (Non-Profit-)Arbeit“ ausbeuten. Und klar ist: Bei all der Beschäftigung mit uns selbst denken wir viel darüber nach, was in der Welt passiert, und haben eine Haltung dazu. In Die Epilog Nummer 6 „Generation“ dröseln wir auf, was uns fehlt, bei all den Definitionen draußen im Äther. Wir dekonstruieren, rekonstruieren, fabulieren und projizieren Bilder/Schemata/knallharte Fakten in unser „wir“ – ohne es ständig in den Mund zu nehmen. Schickt uns Eure Texte! De-/Rekonstruiert Eure Generation! Lasst das nicht jemand anderes machen …

Wir sind offen für Eure Ideen für epilogische Texte – schräg Gedachtes, Essayistisches, Kluges. Sendet Eure kurzen Abstracts (Richtwert: 500–700 Zeichen) bitte bis Montag, 7.11., an ed.go1492934299lipe-1492934299eid@r1492934299enier1492934299g1492934299: Worum geht es in Eurem Beitrag, welches Format soll es sein, was ist die Pointe? Wir informieren Euch dann zeitnah, ob Euer Text seinen Platz in der kommenden Epilog findet.

 

Hinterlasse einen Kommentar

Ein Netzschmöker »Genie des Alltags«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

von Fabian Ebeling

Das Problem ist auf den ersten Blick eine Lappalie. Wie soll das Sofa stehen, das Regal? Wie die Kommode und die kleine Truhe mit der Zimmerpflanze drauf? Wo kommt der raumgreifende Schreibtisch hin und wie lassen sich Arbeit und Entspannung in diesem Zimmer elegant trennen? Gemütlich soll es ja auch sein. Bildungsfreude darf es auch vermitteln: Die Leselampe kommt auf jeden Fall neben das Sofa. Man will hier ja nicht nur wohnen, sondern auch leben, und das möglichst angenehm.

Die scheinbare Lappalie gewinnt jedoch schnell an Schwere. Entscheidungen müssen getroffen werden. Häufig muss sich mehr als ein Mensch hier wohlfühlen können. Spätere Reibereien durch mehr oder weniger aufwendiges Möbelrücken wollen vermieden werden. Ein gemeinsamer Geschmack, ein Lebensgefühl drückt sich auch durch die Gestaltung des Raumes aus. Damit tragen auch Sofa, Schreibtisch und Kommode mehr als nur ihr physisches Gewicht. Sie gewinnen an symbolischer Masse, die äußerst gewissenhaft bewegt werden muss.

Droht ein Konflikt zwischen Sofa und Regal, droht er auch zwischen Weltbildern, so möchte man vermuten. Eine Wolke des Schweigens zieht auf; leichtes Unbehagen breitet sich aus. Niemand möchte sich offen über den Geschmack des anderen erheben – höchstens heimlich. Das schwarz laminierte Jugendzimmer war halt noch nie auf der Höhe der Mode. Nicht mal, als es entworfen wurde. Stillstand. „Was, wenn das Sofa dem Regal gegenübersteht, an der Wand die Kommode, Zimmerpflanze daneben?“, bricht es aus einem Beteiligten heraus, und ein helles Licht erleuchtet den Raum. Man wird von einer Idee begeistert, die eine schwer wiegende Lappalie unvermittelt in gegenseitiges Wohlgefallen auflöst.

Wieder war es nicht die logische Schlussfolgerung, das durchdachte Argument, das zur Lösung führte. Es war die Eingebung. Die erhellende Klarheit aus dem düsteren Nichts: ein Geistesblitz. Die Geister, die in einen hineinfahren, springen gerne auch auf Anwesende über. Plötzlich fügen sich die Dinge. Alles gewinnt eine selbstverständliche Ordnung. Die symbolische Masse der Möbel lastet leichter auf den Schultern, sie unterschreitet vielleicht gar das physische Gewicht, das nun mit neuem Elan bewegt wird. Die Dinge geraten mit der richtigen Ordnung in Einklang. Der Raum strahlt eine ausgewogene Ruhe aus, die Massen sind gut verteilt. Das Zimmer wird zu einem einladenden Ort. All dies dank einer strahlenden Eingebung, eines Moments absoluter, ansteckender Klarheit.

Geistesblitze sind zauberhafte Momente, sie gehen über den Augenblick hinaus. Sie machen Dinge spannender und einfacher zugleich, sie lösen zerfahrene Situationen des täglichen Lebens in natürlicher Ordnung auf. Großartige Selbstbildung braucht es in diesen Momenten gar nicht: Alle sind wir manchmal ein Genie des Alltags.

Hinterlasse einen Kommentar

Theorieschnipsel »Schöpferische Zerstörung«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Joseph Schumpeter lobt die destruktive Marktwirtschaft

von Maybrit Hillnhagen

Ausnahmsweise hat er keine Ahnung davon, was er gerade tut. Der junge Professor versucht ein Gefühl für den schweren Säbel zu bekommen, den ihm sein Helfer in die Hand gedrückt hat. Beim Militär war er nie gewesen, von Fechten hat er keine Ahnung, aber diese Provokation war unerträglich. Die Sekundanten geben das Duell frei. Aufgebracht fuchteln sich die Akademiker mit den blanken Eisen um die Ohren. Plötzlich ein Laut. Weniger ein Schrei als ein überraschtes Quieken: Er hatte den Bibliothekar an der Schulter getroffen. Erleichtert schreiten die Assistenten ein und beenden das Duell. Der Professor wird zum Sieger erklärt.

Eigentlich schlug sich der Ökonom Joseph Schumpeter (1883-1950) an diesem Tag nicht für seine Ehre, sondern für die Studenten. Vor wenigen Monaten war der erst 27-Jährige als außerordentlicher Professor an der Universität im österreich-ungarischen Czernowitz berufen worden. Nun hatte er seinen Schülern eine besonders herausfordernde Aufgabe gestellt, doch der Universitätsbibliothek verweigerte ihnen die vollständige Herausgabe der dafür nötigen Literatur – womöglich, weil seine Regale danach leer gestanden hätten. Das wollte sich der Professor nicht gefallen lassen: Er beschimpfte den Bibliothekar so lange, bis dieser sich gezwungen sah, ein Duell zu fordern, um seine lädierte Ehre wiederherzustellen.

Schumpeter war nie für eine besonders zurückhaltende Art bekannt gewesen. Diese Einstellung spiegelte sich auch in seinen Abhandlungen wider. Sein bis heute in der ökonomischen Theorie nachhallendes Konzept der „Schöpferischen Zerstörung“ brachte Schumpeters Destruktionsfreude auf den Punkt. Seiner Meinung nach basiere der Kapitalismus auf einer ständigen Erneuerung, die nur durch die Zerstörung alter Strukturen geleistet werden könne. Die Helden seines Krawallkapitalismus: die Unternehmer. Sie haben die Ideen für neue Vertriebswege, Produktionsmethoden oder Produkte und machen damit andere, veraltete Geschäftsmodelle überflüssig. Damit hatten endlich auch wirtschaftliche Krisen, zumindest in der Theorie, einen produktiven Sinn gewonnen. Sie waren für Schumpeter lediglich Wegbereiter für den nächsten großen Aufschwung – und den Wandel der ganzen Gesellschaft.

Die Idee von der regenerativen Destruktion war nicht neu. Im Jahr von Schumpeters Geburt veröffentlichte der Philosoph Friedrich Nietzsche den ersten Teil des „tiefsten Buchs, das die Menschheit besitzt“ – so zumindest seine eigene bescheidene Einschätzung. ‚Also sprach Zarathustra‘ berichtet von einem fiktiven Denker mit dem Namen des persischen Religionsführers Zarathustra. Der schätzt an den Menschen besonders ihren Hang zum Untergang. Sie sind für ihn nur ein Zwischenstadium auf dem Weg zum Übermenschen. Dieser jedoch besäße ein besonderes Maß an Schöpfungskraft, das ihn zum Erneuerer, aber auch zum Vernichter in der Welt machen würde. Eine Idee, die von halbintellektuellen Nazis später wörtlich ausgelegt werden sollte.

Zu groß ist die Verlockungskraft der Zerstörung. Die großen Erzählungen der westlichen Kultur beginnen mit der Totaldestruktion. Immer wieder und von Neuem gestärkt steigt schon der ägyptische Benu aus seiner eigenen Asche empor. Von den Griechen ist er uns als Feuervogel Phönix überliefert. Die Bibel steuert auf den Jüngsten Tag hin und die nordische Mythologie wartet geradezu auf den Weltenbrand.

Das passive Warten kippt im Laufe der Geschichte in aktive Zerstörungswut. Im Ersten Weltkrieg zog besonders die intellektuelle und künstlerische Jugend mit der freudigen Hoffnung auf eine neue Epoche in die Vernichtungsschlachten Nordfrankreichs. Im Zweiten Weltkrieg zerbombte man sich wechselseitig die Großstädte ohne strategische Notwendigkeit, allein in einer diffusen Hoffnung auf die Wende des Schicksaals. Die 68er skandierten nur wenige Jahre später „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und verlangten damit scheinbar einen wandlungsförderlichen Sozialvandalismus.

Die absolute Vernichtung ist nur die übersteigerte Schlussfolgerung aus der Erkenntnis, dass mit der Erneuerung auch das Alte verdrängt wird. Die Tabula rasa, der unvorbelastete Neuanfang, ist ein wichtiges Ideal jeder Revolution. Erst muss die überkommene Gesellschaft vernichtet werden, um Raum für das wirklich Neue zu schaffen. Dabei verliert sich das Ziel schnell aus den Augen, die Destruktion rückt in den Fokus der Revolution. Zerstörung ist konkret, überschaubar und von jedem Menschen gut durchzuführen. Und wenn die Idee für eine neue Welt während der Revolution noch auf sich warten lässt, muss vielleicht nur noch ein wenig kaputt gemacht werden, um die Zeit zu überbrücken. So lesen sich zumindest viele Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Vergessen wird dabei, dass für Schumpeter die Innovation der Antrieb der Zerstörung ist und nicht umgekehrt. Allein aus der Destruktion ergibt sich noch nichts Neues. Die Schöpfung bleibt der entscheidende Faktor im Kalkül des wirtschaftlichen Fortschritts. Und dessen Richtung war für Schumpeter klar. Er rechnete fest mit der Einführung des Sozialismus bis zur Jahrtausendwende – der letzten wohlgemerkt, nicht der nächsten. Er glaubte, der Kapitalismus würde sich selbst zerstören, indem er durch Monopolisierung alle kleinen erfinderischen Unternehmen auffresse. Damit hätte er selbstständig ausgeschaltet, was ihn antreibt: die kreativen Unternehmer. Doch wir wissen, sie sind noch da, die vielen kleinen schöpferischen Zerstörer. Glücklicherweise nicht nur in der Wirtschaft.

Hinterlasse einen Kommentar

Ein Netzschmöker »Ironische Antike«

Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

von Koko Maserati

In der Ironie liegt die Wahrheit, so hätte Sokrates es zumindest behauptet. Ausgerechnet in der Ironie, die uns heute als halbe Lüge bekannt ist. Ironisch sagt man nur Dinge, die man eigentlich ganz anders meint. Das macht auch ihren Witz aus: Gesagtes und Gemeintes passen in der Ironie nicht zusammen. Komplimente über die modisch geglückte Zusammenstellung nicht zusammengehöriger Sockenpaare sollten die Träger*in aufhorchen lassen. Hinter dieser Freundlichkeit könnte sich eine heimliche Kritik verbergen – die je nach Tonfall so heimlich nicht sein muss. Doch die Mühe, die Zurechtweisung in einen Scherz zu verpacken, sollte immerhin Anlass zu einem Lächeln geben.

An Witzigkeit war Sokrates in seinen Dialogen nicht gelegen. Auch wollte er gar nicht, dass man seine Bemerkungen als ironisch verstand, denn dann hätten sie ihre Wirkung verfehlt. Das einzige, was die heutige Ironie noch mit dem antiken Begriff gemein hat, ist die Verstellung: Sokrates hoffte ausgerechnet dadurch, dass er sich in Unterhaltungen dumm stellte, höhere Erkentnis zu erreichen. Stundenlang traktierte er sein Gegenüber mit naiven Fragen, um ihm die zahlreichen Lücken in dessen Argumentation aufzuzeigen.

Durch die Konfrontation mit völliger Unwissenheit wollte Sokrates seine Gesprächspartner dazu animieren, sich auch über die Grenzen des eigenen Wissens bewusst zu werden. Schließlich glaubte er selbst fest an seine inzwischen sprichwörtliche Formel: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Nur wer erkannte, dass er eigentlich gar keine Ahnung hat, war für Sokrates überhaupt höherer Gedanken fähig. Insofern ist die sokratische Ironie nicht einmal vorgespielt: Er war von seinem Nichtwissen völlig überzeugt.

Auch wenn Ironie heute eher der Belustigung dient, sind die antiken Strukturen gelegentlich noch gut erkennbar. Mit einem unnachahmlich verdutzten „Ach was?“ verstrickte Loriot seine Mitmenschen gern in immer absurdere Behauptungen. Am Ende stand dabei stets die Erkenntnis, dass eigentlich keiner wusste, wovon er sprach. Schön, dass wir darüber lachen können.

Hinterlasse einen Kommentar