Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

von Fabian Ebeling

Das Problem ist auf den ersten Blick eine Lappalie. Wie soll das Sofa stehen, das Regal? Wie die Kommode und die kleine Truhe mit der Zimmerpflanze drauf? Wo kommt der raumgreifende Schreibtisch hin und wie lassen sich Arbeit und Entspannung in diesem Zimmer elegant trennen? Gemütlich soll es ja auch sein. Bildungsfreude darf es auch vermitteln: Die Leselampe kommt auf jeden Fall neben das Sofa. Man will hier ja nicht nur wohnen, sondern auch leben, und das möglichst angenehm.

Die scheinbare Lappalie gewinnt jedoch schnell an Schwere. Entscheidungen müssen getroffen werden. Häufig muss sich mehr als ein Mensch hier wohlfühlen können. Spätere Reibereien durch mehr oder weniger aufwendiges Möbelrücken wollen vermieden werden. Ein gemeinsamer Geschmack, ein Lebensgefühl drückt sich auch durch die Gestaltung des Raumes aus. Damit tragen auch Sofa, Schreibtisch und Kommode mehr als nur ihr physisches Gewicht. Sie gewinnen an symbolischer Masse, die äußerst gewissenhaft bewegt werden muss.

Droht ein Konflikt zwischen Sofa und Regal, droht er auch zwischen Weltbildern, so möchte man vermuten. Eine Wolke des Schweigens zieht auf; leichtes Unbehagen breitet sich aus. Niemand möchte sich offen über den Geschmack des anderen erheben – höchstens heimlich. Das schwarz laminierte Jugendzimmer war halt noch nie auf der Höhe der Mode. Nicht mal, als es entworfen wurde. Stillstand. „Was, wenn das Sofa dem Regal gegenübersteht, an der Wand die Kommode, Zimmerpflanze daneben?“, bricht es aus einem Beteiligten heraus, und ein helles Licht erleuchtet den Raum. Man wird von einer Idee begeistert, die eine schwer wiegende Lappalie unvermittelt in gegenseitiges Wohlgefallen auflöst.

Wieder war es nicht die logische Schlussfolgerung, das durchdachte Argument, das zur Lösung führte. Es war die Eingebung. Die erhellende Klarheit aus dem düsteren Nichts: ein Geistesblitz. Die Geister, die in einen hineinfahren, springen gerne auch auf Anwesende über. Plötzlich fügen sich die Dinge. Alles gewinnt eine selbstverständliche Ordnung. Die symbolische Masse der Möbel lastet leichter auf den Schultern, sie unterschreitet vielleicht gar das physische Gewicht, das nun mit neuem Elan bewegt wird. Die Dinge geraten mit der richtigen Ordnung in Einklang. Der Raum strahlt eine ausgewogene Ruhe aus, die Massen sind gut verteilt. Das Zimmer wird zu einem einladenden Ort. All dies dank einer strahlenden Eingebung, eines Moments absoluter, ansteckender Klarheit.

Geistesblitze sind zauberhafte Momente, sie gehen über den Augenblick hinaus. Sie machen Dinge spannender und einfacher zugleich, sie lösen zerfahrene Situationen des täglichen Lebens in natürlicher Ordnung auf. Großartige Selbstbildung braucht es in diesen Momenten gar nicht: Alle sind wir manchmal ein Genie des Alltags.

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