Foto: Michael Paul Romstöck

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von Koko Maserati

In der Ironie liegt die Wahrheit, so hätte Sokrates es zumindest behauptet. Ausgerechnet in der Ironie, die uns heute als halbe Lüge bekannt ist. Ironisch sagt man nur Dinge, die man eigentlich ganz anders meint. Das macht auch ihren Witz aus: Gesagtes und Gemeintes passen in der Ironie nicht zusammen. Komplimente über die modisch geglückte Zusammenstellung nicht zusammengehöriger Sockenpaare sollten die Träger*in aufhorchen lassen. Hinter dieser Freundlichkeit könnte sich eine heimliche Kritik verbergen – die je nach Tonfall so heimlich nicht sein muss. Doch die Mühe, die Zurechtweisung in einen Scherz zu verpacken, sollte immerhin Anlass zu einem Lächeln geben.

An Witzigkeit war Sokrates in seinen Dialogen nicht gelegen. Auch wollte er gar nicht, dass man seine Bemerkungen als ironisch verstand, denn dann hätten sie ihre Wirkung verfehlt. Das einzige, was die heutige Ironie noch mit dem antiken Begriff gemein hat, ist die Verstellung: Sokrates hoffte ausgerechnet dadurch, dass er sich in Unterhaltungen dumm stellte, höhere Erkentnis zu erreichen. Stundenlang traktierte er sein Gegenüber mit naiven Fragen, um ihm die zahlreichen Lücken in dessen Argumentation aufzuzeigen.

Durch die Konfrontation mit völliger Unwissenheit wollte Sokrates seine Gesprächspartner dazu animieren, sich auch über die Grenzen des eigenen Wissens bewusst zu werden. Schließlich glaubte er selbst fest an seine inzwischen sprichwörtliche Formel: „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Nur wer erkannte, dass er eigentlich gar keine Ahnung hat, war für Sokrates überhaupt höherer Gedanken fähig. Insofern ist die sokratische Ironie nicht einmal vorgespielt: Er war von seinem Nichtwissen völlig überzeugt.

Auch wenn Ironie heute eher der Belustigung dient, sind die antiken Strukturen gelegentlich noch gut erkennbar. Mit einem unnachahmlich verdutzten „Ach was?“ verstrickte Loriot seine Mitmenschen gern in immer absurdere Behauptungen. Am Ende stand dabei stets die Erkenntnis, dass eigentlich keiner wusste, wovon er sprach. Schön, dass wir darüber lachen können.

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