Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

von Maybrit Hillnhagen 

 Mit Humor kann man sich einiges ersparen. Den Ernst zum Beispiel, Ernst ist nämlich anstrengend. So anstrengend, dass er gar keine Kraft mehr lässt, zu lachen. Für Sigmund Freud waren alle Lustigkeiten, der Humor also, aber auch das Komische — und erst recht der Witz — nur psychologische Sparmaßnamen.

Mit Witz erspart man sich belastende Hemmungen, gesellschaftliche Konventionen und Beschränkungen. Zotiger Humor beispielsweise ist ein Ausbruch aus diesen Konventionen: Endlich kann man öffentlich mal was zum bewegenden Thema Sex äußern, obwohl das ja eigentlich nicht erwünscht ist. Der Druck, sich an die Beschränkungen des Sag- und Denkbaren halten zu müssen, lässt mit einer solchen Anzüglichkeit sofort nach und entlädt sich im Gelächter.

Noch viel lustiger ist das für die Zuhörer*innen, zumindest für diejenigen, die den Witz auch als Befreiung von Restriktionen empfinden. Sie müssen nicht mal den Aufwand betreiben, eine lustige Pointe zu erdenken und vorzutragen. Auch die Sorge eines verfehlten Spaßes braucht sie nicht zu plagen. Ganz ohne eigenen Kraftaufwand wurden ihnen die Hemmungen genommen, umso größer ist nach Freud der Druckabfall und umso herzhafter können sie lachen.

Auch Komik ist lustig, funktioniert für Freud aber noch etwas anders. Komik setzt Energie frei, die wir vorher in eine bestimmte Vorstellung investiert haben. Beim Slapstick beispielsweise: Wir beobachten Menschen bei ihren alltäglichen Verrichtungen und erwarten — ob der Banalität der Aufgaben — einen reibungslosen Ablauf. In Gedanken sind wir schon drei Schritte weiter, doch dann läuft jemand in eine Harke, die ihm schlackernd ins Gesicht schlägt: Unsere Erwartungen wurden blitzartig enttäuscht und die Irritation kanalisiert sich im Lachen.

Das diffizilste Amüsement jedoch ist der Humor. Humor erspart uns die Leiden des Lebens. Humor ist, anders als der gemachte Witz und die gefundene Komik, eher eine Haltung, eine Sicht auf die Welt. Sie erlaubt es uns, die Distanz zur akuten Situation zu wahren, so wie der Galgenhumor, der tragische Momente heiter umdeutet. In seiner gelungensten — leider aber auch seltensten — Form bezieht sich der Humor auf die Träger*in selbst, die so über ihre eigenen Befindlichkeiten lachen kann und sie damit erträglich macht.

Damit erspart sich der Mensch vor allem eins: das Erwachsensein. Das besteht für Freud nämlich aus all jenen Hindernissen, Erwartungen und Leiden, die Kinder gar nicht kennen und von der sich Erwachsene im Humor erst wieder befreien müssen. Gerade um wieder Kind zu sein, braucht der Mensch große Disziplin: Er muss sich seine tragischen Affekte vom Leib und seinen egozentrischen Pathos kleinhalten. Es ist das Freud’sche Über-Ich — die internalisierte Stimme der Eltern —, das den Menschen erst zum Humor ermahnen muss und ihn daran erinnert, dass er eigentlich immer ein Kind bleibt.

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