Die Epilog

Foto: Michael Paul Romstöck

von Fabian Ebeling

Langeweile kann wirklich anstrengend sein. Besonders oft stellt sich dabei das Gefühl ein, dass einfach nichts mehr geht. So rein gar nichts. Man könnte ja etwas tun, aber irgendwie verflüchtigt sich jeder Gedanke an produktives Schaffen und löst sich in Unlust und schließlich wiederum Langeweile auf. Das Umfeld scheint keinerlei positive Reize zu bieten; die Tür ist weiß, der Boden holzfarben, an allen Wänden: Raufaser.

Diese berühmte, ungefähr alle deutschen Wohnräume auskleidende Tapete wurde von dem Apotheker Hugo Erfurt erfunden. Funktional wie sie ist, kann man bei jeder Delle oder einem herausgelösten Holzspan einfach drüberstreichen. Sieht kaum jemand. Zumindest müsste man recht genau hinschauen, um etwas zu erkennen. Wenn die Langeweile vorherrscht, reduzieren sich diese Qualitäten auf eine unebene Oberfläche, die aus kleinen Hügelchen besteht, deren Schatten aus einer ansonsten optisch recht schwammigen Textur hervorragen. Die Raufasertapete gibt in diesem Moment nichts an uns zurück außer ihrer schnöden Materialität. Sie ist quasi in Übereinkunft mit sich selbst und strahlt eine leblose Sprödigkeit aus – bescheiden und einsichtig.

In der größten Langeweile müssen wir für imaginäre Betrachter oder anwesende Mitmenschen ungefähr genauso wirken wie Raufaser: matt und spröde. Doch einsichtig sind wir nicht, weil Langeweile ja auch irgendwie doof ist. Erst oder spätestens am Punkt der totalen Resignation, dem Moment, an dem sogar das Schlafen vor lauter Langeweile unmöglich wird, sehen wir es ein.

Vielmehr willigen wir ein, in einen Zustand, dessen Bekämpfung mit aller Macht nur noch mehr unproduktive Energien freisetzt. Sich über die eigene Langeweile aufregen und anderen Menschen damit in den Ohren liegen ist eines der unsinnigsten Dinge seit essbarer Unterwäsche. »Mir ist so langweilig« gehört wahrscheinlich in die Reihe der größten Killerphrasen der Menschheitsgeschichte.

Was soll man dazu sagen? Dann lieber resignieren, einwilligen und sich darüber freuen, dass man zu so etwas Banalem wirklich fähig ist. Außerdem kann Langeweile auch produktiv sein. Nicht umsonst sagt man ja bei manchen skurrilen oder wirklich auch nützlichen Dingen, ihre Erfinder hätten wohl zu viel Langeweile gehabt. Vielleicht so wie Hugo Erfurt. Und wenn man selbst schon nichts erfindet, kann man sich ja wieder der guten alten Raufasertapete zuwenden und vollends darin aufgehen.

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