Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Ab einem bestimmten Zeitpunkt im Leben merkt man bewusst, wie schnell die Zeit vergehen kann. Erst sind es die Jahre: »1998 ging verdammt schnell rum.« Dann sind es irgendwann Wochen und Tage, die nur so vorbeirauschen. Erhöhte Geschäftigkeit scheint dieses Gefühl zu befeuern, die Dinge gehen weiter und weiter. Blickt man zufrieden auf das Tagwerk zurück, merkt man, wie schnell der Tag verging. Man hat telefoniert, E-Mails verschickt, mit Menschen gesprochen, mit Menschen gegessen und Kaffee getrunken. Man hat vielleicht auch Dinge erledigt, die erledigt werden mussten. Oder man hat einfach nichts getan. Je nachdem.

Wenn die Momente intensiv erlebt wurden, hat man sich in so etwas wie einem Jetzt befunden. Man hat es gefühlt und war voll drin – in der Zone, sozusagen. Ob angespannt oder entspannt, an intensive Augenblicke oder Zeiträume, die als angenehm empfunden werden, erinnert man gerne. Sehnt man sich nach diesen vergangenen Momenten, so spricht man auch von Nostalgie. Weil’s so schön war, bitte noch einmal! Bei aller vermeintlichen Schnelllebigkeit und allerlei Entschleunigungsstrategien kann so ein gewisses Einer-Zeit-Nachhängen auch guttun.

Doch mit einer beschleunigten Erfahrung von Zeit und den Erlebnissen, die sich in dieser Zeit aneinanderreihen, scheint eine modifizierte Form der Nostalgie einherzugehen. Die Nostalgie für etwas, das noch gar nicht war, das erst gewesen sein wird. Man hat eine wunderschöne Zeit. Man weiß, dass man sich gerne daran erinnern wird. Man weiß auch, dass der Modus, in dem man sich gerade befindet, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft ein Ende haben kann.

Diese Form der Nostalgie wird dann zu einer nach vorn gewendeten Nostalgie, die sich in einer möglichen Zukunft auf die Gegenwart zurückwendet. Man wird schon mal prophylaktisch nostalgisch. Er wird schon zu Ende gehen, der schöne Moment, und dann wird man sich nach ihm zurücksehnen. Ein Vorausdenken, das zurückdenkt. Diese Ausflüge können interessant sein. Doch tatsächlich leben wir nur jetzt. Dieses Jetzt zu ergreifen, die Gunst der Stunde, sich in die Zone begeben, ohne das Vergangene zu vergessen, ist doch eigentlich das, was erfüllt. Dennoch: Die vorsorgliche Sentimentalität für den Moment kann ihn auch verstärken. Das Bewusstsein, dass alle Dinge enden und doch andere weitergehen, hebt ihr Erlebnis aus dem Alltäglichen ins warme Licht der Einmaligkeit. 

Ein Gedanken zu »Ein Netzschmöker »Was gewesen sein wird««

  • Balthasar Bierlob sagt: Feiner Kommentar!Aus eigener Erfahrung kann ich hinzufügen, dass diese Art der vorweggenommen Nostalgie auch wie eine Art Schutzmechanismus genutzt wird, um sich der Blöße vor eventuellen "Ich habs dir doch gleich gesagt"-Pessimisten zu bewahren. Insbesondere bei dem Frischverliebtsein ist dem so. Durch das unaufhörliche Kalkulieren eventueller Folgen, verderbe ich mir regelmäßig den Moment. Bei allem Zögern genügt es jedoch meist zu sagen: "Ich weiß, es kann/wird schlecht ausgehen, aber das ist mir jetzt ganz gleich."

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