Foto: Michael Paul Romstöck

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Susan Sontag entdeckt das Ende der Ironie

von Mads Pankow

Kitsch ist schick. Eine Zeit lang war es gar Mode, sich zum Geburtstag hässliche Sachen zu schenken, ausladende Hirschgeweihe oder Jesus-Ikonen zum Beispiel. Das sollte lustig sein. Manchmal war es das auch – wenn diese absurden Dinge von ihren Machern offensichtlich so ernst gemeint waren, dass man prusten musste. Jäger und Priester verstehen keinen Spaß mit ihren Reliquien, das macht ihr Gehabe darum gelegentlich etwas albern.

Erst die pathetische Ernsthaftigkeit, mit der kitschige Dinge fabriziert wurden, macht sie komisch – aber auch spannend. Natürlich besitzen wir als aufgeklärte Bürger*innen des 21. Jahrhunderts Kitsch nur noch aus ironischen Motiven, zum Lachen. Tatsächlich aber schielen wir mit einem neidischen Auge auf die naive Ästhetik der sonnigen Berglandschaft in Ölfarbe bei Oma über dem Sofa.

Die Ironie ist eigentlich nur vorgeschoben. Wir genießen diese Übertreibungen der heilen Welt in unserem Leben. Ihr ungebrochener Pathos sollte nach so viel Aufklärung eigentlich gar nicht mehr denkbar sein und ist deshalb umso verführerischer. Wir müssen darüber lachen, wie absurd dieser feierliche Ernst ist. Dabei wären wir gern auch mal wieder so pathetisch und unreflektiert.

Doch Ernst ist immer irgendwie kitschig. Auch bei Menschen, die ihre Rollenbilder zu ernst nehmen. So speist sich das subversive Spiel mit den Geschlechterrollen eigentlich aus der Lust am Genderkitsch. Die Stereotypen von Mann und Frau machen als Verkleidung so viel Freude, weil sie in ihrer Ernsthaftigkeit völlig substanzlos geworden sind. Längst herrscht Einigkeit darüber, dass unsere Idee der Geschlechter weniger Biologie als kulturelle Konstruktion ist. Eine Konstruktion jedoch, die – wie jeder andere Stereotyp – eine spielerische Faszination ausübt. Androgynität und Travestie begehren deshalb nicht nur gegen Rollenbilder auf – sie genießen sie auch, vor allem ihre Absurdität.

Mit dem Glamrock der Siebziger fand die Travestie in den Mainstream. Von David Bowie bis Boy George verabschiedete sich die damalige Garde der Popkultur von der ständigen Reproduktion sexueller Klischees und entdeckte ihre Lust am Geschlechterspiel. Wichtiger als die Frage der geschlechtlichen Zuordnung war die Schönheit der Inszenierung. Bowies Kunstfigur Ziggy Stardust konnte nicht nur keinem Geschlecht zugeordnet werden, genau genommen handelte es sich nicht mal mehr um einen Erdenbürger. Als einziges Merkmal seiner Identität verblieb ihm sein sternstaubiges Glitzern.

Identität ist das, was schön ist. Authentizität ist kein Maßstab mehr. An ihre Stelle tritt eine Leidenschaft für die Gemachtheit, das Künstliche. Statt auf klare Inhalte setzte die Popkultur fortan auf Stilisierung und Übertreibung der schönen Form. Eine rein ästhetische Haltung, die unter dem Begriff ‚Camp‘ schon aus dem Dandytum des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bekannt war. Die Schriftstellerin Susan Sontag spannte 1964 mit ihren Notes on Camp einen Bogen vom Dandytum über die Queerbewegung bis hin zur damaligen Popkultur. In 58 unsystematischen Glaubenssätzen kreist sie um ein Gefühl, eine Haltung, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine ganze Gesellschaft prägen sollte.

Camp ist eine Reaktion auf den naiven Ernst, auf das unreflektierte Pathos bisheriger Kultur. Camp sieht alles in Anführungsstrichen. Anders als die etablierten Formen der Ernstlosigkeit, wie Ironie und Satire, distanziert sich Camp nicht spöttisch vom Pathos. Es lässt sich im Gegenteil ganz darauf ein: Es macht sich nicht lustig, Camp ist todernst.

Camp ist die Lust an der scheiternden Ernsthaftigkeit. Anders als die Tragödie, die sich am Dramatischen labt, oder die Komödie, die das Drama ad absurdum führt, liegt Camp betont unentschlossen dazwischen. Es fühlt mit dem Tragischen, kann aber auch über das Komische lachen. In liebevoller Hingabe lässt es sich auf alle Gefühlswirren ein. Es genießt gleichermaßen Pathos wie Absurdität.

Camp ist also eher eine emotionale Haltung als eine intellektuelle, eine Art absichtliche Naivität. Sie hat keine moralische Quintessenz und eigentlich gar keine Botschaft. Dabei reagiert sie jedoch sehr schlau auf die Wirren der Postmoderne. In der Erkenntnis, dass wir – angesichts einer unüberschaubaren Welt – alle gnadenlos naiv sind, hält sich Camp an den letzten brauchbaren Maßstab aller Dinge: die Schönheit.

Camp ist, von heute aus betrachtet – fünfzig Jahre nach Susan Sontags Text – die moderne Haltung nach Ironie und Zynismus. Camp ist die bejahende Ironie: Es fühlt sich nicht zu ständiger Distanzierung verpflichtet, sondern genießt die eigene Naivität und schmunzelt darüber. So wie wir über das Hirschgeweih.

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