Foto: Michael Paul Romstöck

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Arnold Gehlen und die Posthistorie

Das Ende ist erreicht. So zumindest die Behauptung des Philosophen, Anthropologen und Soziologen Arnold Gehlen (1904–1976). Als Zeuge zweier Weltkriege, in denen sich die Menschheit erst jüngst um vollständige Selbstzerstörung bemüht hatte, fühlte sich Gehlen Anfang der 1960er Jahre dazu aufgerufen, die steile These aufzustellen, die Geschichte sei an ihrem Ende angelangt.

Auf die ereignisarme Vorgeschichte, in der sich der Homo sapiens noch biologisch entwickelte und auf dem Globus verbreitete, folgt laut Gehlen die Geschichte. Sie beginnt mit der sogenannten Neolithischen Revolution. Der Mensch lässt sich nieder und beginnt Landwirtschaft zu betreiben. Erst jetzt hat er Orte, an denen sich Erlebnisse sammeln, die sich zu Geschichten verdichten und schließlich zu einer kontinuierlichen Geschichte zusammenwachsen. Die Geschichte ist die Zeit der großen Veränderungen und Entwicklungen.

Ab der Industriellen Revolution aber lassen die Fortschritte nach. Natürlich entwickeln sich die Maschinen immer weiter, die Medizin und die Wissenschaft. Aber alles baut nur noch auf bestehenden Ideen auf, bleibt in geordneten Bahnen. Die Menschen leben auch heute noch in ähnlichen Strukturen wie vor 150 Jahren, nur das Essen ist besser geworden. Grundlegende Veränderungen und Verwerfungen bleiben aus. Gehlen spricht von einer „Kristallisation“ der zuvor in stetiger Veränderung befindlichen Gesellschaft in festen Institutionen. Religion, Ideologie, Kunst – alle Bereiche entwickeln sich nur noch aus sich heraus weiter, halten aber fest an den bestehenden Strukturen.

Die gesellschaftlichen Institutionen sind damit nicht nur Produkte des Entwicklungsstillstands, sondern sie sind an dessen Erhaltung aktiv beteiligt. Neuerungen sind nur noch im Rahmen des Bestehenden möglich. Neue Ideen werden entweder von den etablierten Institutionen aufgenommen oder abgewehrt. Die Möglichkeit unabhängiger Strömungen und Entwicklungen gibt es an dieser Stelle nicht mehr. Aber das macht nichts, alle menschlichen Bedürfnisse werden bereits durch vorhandene Institutionen befriedigt. So wird auch vermieden, dass Unzufriedenheiten, die sich in Zeiten der Geschichte noch anstauen konnten, um sich schließlich in Revolution und übergreifenden Veränderungen zu entladen, überhaupt erst entstehen können.

In einer Fernsehdiskussion warf Gehlen seinem guten Bekannten Theodor Adorno naiven Idealismus vor, nur weil dieser noch zum Widerstand gegen die institutionalisierte Gesellschaft aufrief. Das empfand Gehlen als eine Zumutung für den ohnehin schon schwer gebeutelten Menschen der Moderne. Adorno sah in diesem Vorwurf natürlich sofort Anlass zum Widerstand und schob Gehlen daraufhin mit überzeugten Worten in die Ecke der Kulturkonservativen ab. Fast freudige Einigkeit herrschte nur in der pessimistischen Grunddiagnose beider Kontrahenten: Ob am Ende oder nicht – die Gesellschaft war schlecht.

 

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