Foto: Michael Paul Romstöck

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Joseph Schumpeter lobt die destruktive Marktwirtschaft

von Maybrit Hillnhagen

Ausnahmsweise hat er keine Ahnung davon, was er gerade tut. Der junge Professor versucht ein Gefühl für den schweren Säbel zu bekommen, den ihm sein Helfer in die Hand gedrückt hat. Beim Militär war er nie gewesen, von Fechten hat er keine Ahnung, aber diese Provokation war unerträglich. Die Sekundanten geben das Duell frei. Aufgebracht fuchteln sich die Akademiker mit den blanken Eisen um die Ohren. Plötzlich ein Laut. Weniger ein Schrei als ein überraschtes Quieken: Er hatte den Bibliothekar an der Schulter getroffen. Erleichtert schreiten die Assistenten ein und beenden das Duell. Der Professor wird zum Sieger erklärt.

Eigentlich schlug sich der Ökonom Joseph Schumpeter (1883-1950) an diesem Tag nicht für seine Ehre, sondern für die Studenten. Vor wenigen Monaten war der erst 27-Jährige als außerordentlicher Professor an der Universität im österreich-ungarischen Czernowitz berufen worden. Nun hatte er seinen Schülern eine besonders herausfordernde Aufgabe gestellt, doch der Universitätsbibliothek verweigerte ihnen die vollständige Herausgabe der dafür nötigen Literatur – womöglich, weil seine Regale danach leer gestanden hätten. Das wollte sich der Professor nicht gefallen lassen: Er beschimpfte den Bibliothekar so lange, bis dieser sich gezwungen sah, ein Duell zu fordern, um seine lädierte Ehre wiederherzustellen.

Schumpeter war nie für eine besonders zurückhaltende Art bekannt gewesen. Diese Einstellung spiegelte sich auch in seinen Abhandlungen wider. Sein bis heute in der ökonomischen Theorie nachhallendes Konzept der „Schöpferischen Zerstörung“ brachte Schumpeters Destruktionsfreude auf den Punkt. Seiner Meinung nach basiere der Kapitalismus auf einer ständigen Erneuerung, die nur durch die Zerstörung alter Strukturen geleistet werden könne. Die Helden seines Krawallkapitalismus: die Unternehmer. Sie haben die Ideen für neue Vertriebswege, Produktionsmethoden oder Produkte und machen damit andere, veraltete Geschäftsmodelle überflüssig. Damit hatten endlich auch wirtschaftliche Krisen, zumindest in der Theorie, einen produktiven Sinn gewonnen. Sie waren für Schumpeter lediglich Wegbereiter für den nächsten großen Aufschwung – und den Wandel der ganzen Gesellschaft.

Die Idee von der regenerativen Destruktion war nicht neu. Im Jahr von Schumpeters Geburt veröffentlichte der Philosoph Friedrich Nietzsche den ersten Teil des „tiefsten Buchs, das die Menschheit besitzt“ – so zumindest seine eigene bescheidene Einschätzung. ‚Also sprach Zarathustra‘ berichtet von einem fiktiven Denker mit dem Namen des persischen Religionsführers Zarathustra. Der schätzt an den Menschen besonders ihren Hang zum Untergang. Sie sind für ihn nur ein Zwischenstadium auf dem Weg zum Übermenschen. Dieser jedoch besäße ein besonderes Maß an Schöpfungskraft, das ihn zum Erneuerer, aber auch zum Vernichter in der Welt machen würde. Eine Idee, die von halbintellektuellen Nazis später wörtlich ausgelegt werden sollte.

Zu groß ist die Verlockungskraft der Zerstörung. Die großen Erzählungen der westlichen Kultur beginnen mit der Totaldestruktion. Immer wieder und von Neuem gestärkt steigt schon der ägyptische Benu aus seiner eigenen Asche empor. Von den Griechen ist er uns als Feuervogel Phönix überliefert. Die Bibel steuert auf den Jüngsten Tag hin und die nordische Mythologie wartet geradezu auf den Weltenbrand.

Das passive Warten kippt im Laufe der Geschichte in aktive Zerstörungswut. Im Ersten Weltkrieg zog besonders die intellektuelle und künstlerische Jugend mit der freudigen Hoffnung auf eine neue Epoche in die Vernichtungsschlachten Nordfrankreichs. Im Zweiten Weltkrieg zerbombte man sich wechselseitig die Großstädte ohne strategische Notwendigkeit, allein in einer diffusen Hoffnung auf die Wende des Schicksaals. Die 68er skandierten nur wenige Jahre später „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und verlangten damit scheinbar einen wandlungsförderlichen Sozialvandalismus.

Die absolute Vernichtung ist nur die übersteigerte Schlussfolgerung aus der Erkenntnis, dass mit der Erneuerung auch das Alte verdrängt wird. Die Tabula rasa, der unvorbelastete Neuanfang, ist ein wichtiges Ideal jeder Revolution. Erst muss die überkommene Gesellschaft vernichtet werden, um Raum für das wirklich Neue zu schaffen. Dabei verliert sich das Ziel schnell aus den Augen, die Destruktion rückt in den Fokus der Revolution. Zerstörung ist konkret, überschaubar und von jedem Menschen gut durchzuführen. Und wenn die Idee für eine neue Welt während der Revolution noch auf sich warten lässt, muss vielleicht nur noch ein wenig kaputt gemacht werden, um die Zeit zu überbrücken. So lesen sich zumindest viele Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Vergessen wird dabei, dass für Schumpeter die Innovation der Antrieb der Zerstörung ist und nicht umgekehrt. Allein aus der Destruktion ergibt sich noch nichts Neues. Die Schöpfung bleibt der entscheidende Faktor im Kalkül des wirtschaftlichen Fortschritts. Und dessen Richtung war für Schumpeter klar. Er rechnete fest mit der Einführung des Sozialismus bis zur Jahrtausendwende – der letzten wohlgemerkt, nicht der nächsten. Er glaubte, der Kapitalismus würde sich selbst zerstören, indem er durch Monopolisierung alle kleinen erfinderischen Unternehmen auffresse. Damit hätte er selbstständig ausgeschaltet, was ihn antreibt: die kreativen Unternehmer. Doch wir wissen, sie sind noch da, die vielen kleinen schöpferischen Zerstörer. Glücklicherweise nicht nur in der Wirtschaft.

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