Foto: Michael Paul Romstöck

Foto: Michael Paul Romstöck

Byung-Chul Han berichtet von einer Kultur mit Zukunft

„Tourist*innen in Hawaiihemden“, so stellt sich der britische Anthropologe Nigel Barley (*1947) die Menschen der Zukunft vor. Das klingt unterhaltsam, wäre aber vielleicht nicht weiter von Belang, hätte es den Philosophen und Kulturwissenschaftler Byung-Chul Han (*1959) nicht dazu inspiriert, einen eindrucksvollen Essay über nicht weniger als die aktuelle Verfassung einer Weltkultur — er nennt sie Hyperkultur — zu schreiben¹.

Eine Weltkultur in gut 70 Seiten erklären zu wollen klingt zunächst recht übermütig. Erst recht, weil wir „Kultur“ doch als einen Begriff kennen, der die lokalen, regionalen und nationalen Unterschiede in Verhaltensformen, Gewohnheiten und Vorstellungswelten hervorhebt. Der also weltweite Verschiedenheiten, nicht Gleichheiten beschreibt. Das sieht Han ganz ähnlich, hält das Konzept einer lokal gebundenen Kultur aber für nicht mehr aktuell.

Seit der Einführung telegrafischer Nachrichtenübertragung spannt sich ein immer enger gewebtes Netz aus Datenleitungen um die Weltkugel und überschreitet damit all jene Grenzen, mit denen man Kulturen voneinander abzugrenzen versucht. Erst konnten nur umständlich im Morsecode chiffrierte Texte verschickt werden, dann erweiterten sich die Leitungen zu Fernsprechanlagen, deren Reichweite sich mit dem Rundfunk noch einmal verstärkte. Mit dem Fernsehen kamen Bilder dazu und das Internet ermöglicht inzwischen auch persönlichste Formen der Kommunikation rund um den Globus.

Jede eigentlich lokal gebundene Kultur, die in dieses Mediennetz verwoben ist, wird überall auf der Welt auch für Abwesende zugänglich. Damit kommt es natürlich noch nicht zur Weltkultur, jeder könnte ja bei seinen Bräuchen und Gewohnheiten bleiben — wäre da nicht das Problem des verschwundenen Fremden. Das Eigene — die kulturelle Individualität — ist immer auch durch das Fremde geprägt. Abgrenzungen definieren die eigenen Vorstellungswelten. „Kultur“ ist immer ein Begriff des Vergleichens und Unterscheidens. Das Fremde bekommt in einer eng vernetzten Welt jedoch gar nicht mehr die Gelegenheit, uns wirklich fremd zu werden. Zu präsent ist das Exotische und Andere auf allen Kanälen.

Was ist aber noch eigenes, wenn nichts mehr fremd ist? Die lokale Tradition wird zu einer Möglichkeit unter vielen. Kein fester Ort bindet den vernetzten Menschen mehr an die kontinuierliche Fortsetzung üblicher Gewohnheiten. Er kann jederzeit ausweichen in andere Kulturräume, dazu muss er nicht mal das Haus verlassen. Die Medien verbinden ihn mit der Welt. Die Geschichte als kontinuierliche Fortsetzung einer ortsgebundenen Entwicklung ist damit zu Ende. Es geht nicht mehr nur in eine durch vergangene Generationen vorbestimmte Richtung weiter, sondern in viele verschiedene. Die Entwicklung richtet sich nicht einmal mehr notwendigerweise nach vorn. Ist die Vorstellung von einer kontinuierlichen historischen Fortsetzungserzählung erst einmal abgelegt, steht jedem Individuum auch die Integration vergangener Bräuche und Vorstellungen offen. Alles ist eine Frage der Wahl.

Kein Zentrum, kein Ort, keine Nation, kein Gott und keine Geschichte bestimmen mehr unsere Entscheidungen. Die Frage nach dem Sinn allen Handelns hat ihre Bezüge, ihr Fundament verloren. Was bleibt, ist kein fester kultureller Handlungsrahmen mehr, sondern ein „Mosaikuniversum“, ein „Hypermarkt der Kultur“, auf dem alles gehandelt wird, wovon wir irgendwie Kenntnis bekommen.

Befreit von allen Abhängigkeiten von Ort und Zeit bleibt nur noch der Zwang zur Individualisierung. Die Abgrenzung wird nicht einfacher, seit es nichts Fremdes mehr gibt. Man muss sich selbst für oder gegen jedes einzelne Kulturartefakt, jede Ästhetik, jede Idee, jede Geste entscheiden. Kultur wird zu einer Frage der persönlichen Gestaltungsfreude – des Designs. So weit möchte Han uns beruhigen: Die Welt verkommt mit ihrer zeitlichen und örtlichen Entgrenzung also nicht zu einer Monokultur, in der alle genau das Gleiche machen, sondern zu einer Hyperkultur, in der jeder versucht, etwas anders zu machen.

Wir sind also Tourist*innen, Menschen ohne festen Ort, die auf den Highways der Datennetze um die Welt reisen und ständig an unserer individuellen kulturellen Identität basteln. So zumindest Hans Idealtypus des hypermodernen Menschen. Ob wir dabei Hawaiihemden tragen wollen oder nicht, bleibt uns glücklicherweise selbst überlassen. Wichtig ist nur, dass wir es könnten — wenn wir wollten.

¹Byung-Chul Han, Hyperkulturalität. Kultur und Globalisierung, 2005.

 

2 Gedanken zu »Theorieschnipsel »Tourist*innen in Hawaiihemden««

  • wcsitz sagt: Danke für die Information.
  • sandra sagt: Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen.Vielen Dank für die tollen Informationen.Gruß Sandra

Kommentar verfassen